Beton in der Gartendenkmalpflege

18.05.2016 13:57 von Susanne Mantz

Pressemitteilung zu

Beton in der Gartendenkmalpflege

Die Arbeitsgemeinschaft gärtnerische Sachverständige (ags) verfolgt seit langem zwei Ziele: Weiterbildung der Sachverständigen sowie Präsentation der Tätigkeit des Sachverständigen in der Öffentlichkeit. Diesen Zielen dienen die Seminare und Arbeits-Tagungen, welche die ags zu vielen Bereichen veranstaltet, in denen gärtnerische Sachverständige tätig sind. Seit einigen Jahren gehört hierzu auch der Bereich der Gartendenkmalpflege – nicht zuletzt weil der Denkmalstatus den Eigentümer eines Gartendenkmals sowohl in seiner Verfügungsgewalt einschränkt als auch zu bestimmten Maßnahmen zwingt. Dies gilt für Privatleute ebenso wie für die Öffentliche Hand. Neben der Besichtigung von Gartendenkmälern haben die Seminar-Teilnehmer Gelegenheit, sich mit Gestaltungsprinzipien ebenso vertraut zu machen wie mit Pflege- und Erhaltungs-Techniken.
Im April kam bei einem Seminar in Offenbach ein neues Thema hinzu: „Beton in der Gartendenkmalpflege“. Dieses Thema zu wählen war ein Risiko: Der noch nicht sehr alte Baustoff verträgt sich nicht mit dem herkömmlichen Denkmal-Gedanken, der länger zurückliegende Zeiten umfasst. Die Bedenken haben sich nicht erfüllt: im Gegenteil waren der Einladung überraschend viele Interessenten gefolgt – darunter auch viele Nicht-Mitglieder, was zeigt, dass das Thema offenbar auf weitreichendes Interesse stößt.
Schon der Einführungsvortrag von Dipl. Ing Jutta Curtius zum Thema „Es kommt drauf an, was man draus macht“ ließ anklingen, dass Beton lange Zeit als „nicht wertvoller“ Baustoff galt, obgleich er bereits in Römischen Bauwerken, zum Beispiel im Pantheon, eingesetzt wurde.
Dr. Petra Egloffstein zeigte auf, nach welchen Methoden und Regeln Beton-Baudenkmäler restauriert werden, und machte deutlich, dass Denkmalpflege nicht irgendeine nostalgische Nische besetzt, sondern dass es sich um eine umfassende Wissenschaft und die daraus abgeleitete Technik handelt.
Dipl. Ing. Jochen Martz zeigte in seinem Referat, dass die Verwendung des Betons im Gartenbau sehr wohl bereits eine Geschichte hat. Er verwendete die Bauart „Waschbeton“ als Beispiel und zeigte dessen Herstellung und Anwendung im Wandel.
Dipl. Ing Martin Sauder zeigte, dass der Weg der Beton-Instandsetzung keineswegs frei gewählt werden kann, sondern festen Regeln und Normen unterworfen ist und brachte hierfür zahlreiche Beispiele. Er führte die Zuhörer über die Herstellung von Zement und die Bildung von Zementsteinphasen zu der Bildung der verschiedenen Hydrat-Phasen bis hin zum Schadens-Mechanismus Carbonatisierung und zeigte, dass in  deren Folge Armierungs-Stahl zu rosten beginnt, was bereits den Anfang der Denkmal-Zerstörung bedeutet. Nach seinem Vortrag herrschte allgemein eine Hochachtung gegenüber dem Produkt Beton, die an die Stelle der verächtlichen Anfangs-Meinung trat.

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Die nachfolgenden Referenten beschrieben einzelne Objekte, die aus Beton gefertigt wurden und bereits Denkmal-Charakter aufweisen. Diese Darstellungen waren die gründliche, aber auch unerlässliche Voraussetzung für das Verständnis der Objekt-Besichtigungen am zweiten Seminar-Tage. Diese Exkursion zeigte, dass Offenbach als Ort für die Veranstaltung sehr gut gewählt war, zumal Herr Oberbürgermeister Horst Schneider in seiner Begrüßung darlegte, dass die Stadt Offenbach sich ihrer Aufgabe, Denkmäler insgesamt und Denkmäler des Beton-Baues im Besonderen zu schützen und bei Bedarf auch zu sanieren, durchaus bewusst ist.  
Dipl. Ing. Christiane Geelhaar schilderte die Verluste, aber auch den gesicherten Bestand an historischen Beton-Bauten in der Mathildenhöhe, gezeigt am Schicksal der Sichtbeton-Pergolen, die ein wesentlicher Bestandteil dieses Gesamt-Denkmals von Weltgeltung sind.
Dipl. Ing. Irmela Löw zeigte, dass und wie  in den 50er und 60er Jahren im Park der Villa Monrepos in Griesheim Beton angewendet wurde.
Dipl. Ing. und Beton-Baumeister Manfred Kugelmeier berichtete von einem Sonderfall in der frühen Beton-Verwendung: einem Demonstrations-Bauwerk aus dem Jahre 1879 im Dreieich-Park in Offenbach. Gewagt-elegante Bögen führen zu einer überdachten Plattform, doch hat das Bauwerk keinerlei Nutz-Funktion und wurde nur erstellt, um Besuchern einer Regional-Ausstellung die Möglichkeiten zu zeigen, die in dem neuen Material Beton stecken. Haltbarkeits-Ziel war 3 Monat, weshalb ohne Armierung und ohne Fundamente gebaut wurde. Dann aber wurde der Abbau des Objektes „vergessen“, und so steht es noch heute. Doch hat der Zahn der Zeit daran genagt, und es wird provisorisch mit Holzbalken abgestützt und ist aus Haftungsgründen abgesperrt und nicht zugänglich.
Zu diesem Objekt entwickelte sich unter den Teilnehmern eine rege Diskussion. Die Anwesenden erkannten einstimmig die hohe denkmalpflegerische Bedeutung dieses frühen Beton-Denkmals und kritisierten den desolaten Zustand. Eine unverzügliche und umfassende Sanierung mit nachfolgender gesicherter Erhaltung einschließlich Wiederherstellung der Zugänglichkeit war die einstimmige Forderung. Die ags hat sich daher an die Stadtverwaltung Offenbach gewandt und ihr die übereinstimmende Forderung der Seminarteilnehmer vorgelegt. Sie wird beobachten, ob und auf welche Weise die Stadt Offenbach ihrer Verpflichtung als Eigentümerin des Denkmals nachkommen wird.
Dipl. Ing. Martin Sauder zeigte zur Verdeutlichung seines gesamt-theoretischen Vortrages als Beispiel die Sanierung der Weiher-Brücke in Frankfurt-Höchst, die bereits begonnen wurde. Auch zu diesem Vorhaben entstand eine rege Diskussion unter den Teilnehmern, und zwar nicht so sehr die Brücke betreffend, sondern vor allem über die geplanten Geländer beiderseits der Brückenrampen. Diese Rampen sind zur Zeit mit Betonsteinen Modell „Knochen“ gepflastert, und die Seiten sind mit einfachen „Wasserrohren“ gesichert. Geplant sind Geländer, die am Anfang und Ende in elegante „Schnecken“ auslaufen sollen. Die übereinstimmende Meinung der Teilnehmer ging dahin, dass diese Geländerform keinerlei Denkmal-Bezug hat, sondern frei erfunden wurde. Derartige „kreative Denkmalpflege“ wurde von den Teilnehmern abgelehnt, zumal historische Fotos vorliegen, welche zeigen, dass die Rampen-Sicherung ursprünglich durch eine Pflanzung, offenbar aus Eiben, erfolgt war.  Die ags hat sich daher an die Stadtverwaltung Frankfurt gewandt und ihr die übereinstimmende Forderung der Seminarteilnehmer vorgelegt. Sie wird beobachten, ob und auf welche Weise die Stadt Frankfurt ihrer Verpflichtung als Eigentümerin des Denkmals nachkommen wird.

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Am Ende des Seminars herrschte allgemein das Urteil, dass die Ziele der ags erreicht worden seien. Die Teilnehmer verließen die Tagung mit einem großen Vorrat von Wissen zum Spezialgebiet der Beton-Gartendenkmalpflege, und die Eigentümer der beschriebenen und dann auch aufgesuchten Denkmäler können und müssen davon ausgehen, dass die ihrer Verantwortung übertragenen Denkmäler der frühen Beton-Verwendung im Bewusstsein der Fach-Öffentlichkeit verankert sind, welche beobachten wird, ob die Eigentümer ihrer Verpflichtung zur Denkmalpflege und Denkmal-Sanierung nachkommen werden.

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